Blackout, Sabotage & Co.

13. Oktober 2026

Zwischen Stromnetz und Cyberfront: Wie sicher ist Europa?

Angriffe auf Stromnetze, Cyberattacken, Sabotage und Desinformation: Die Verwundbarkeit kritischer Infrastruktur ist längst zu einer zentralen Sicherheitsfrage für Europa geworden. Beim Salzburg Europe Summit 2026 diskutierten Vertreter der Energiewirtschaft sowie Experten für Cybersecurity und den Schutz kritischer Infrastruktur darüber, wie widerstandsfähig Europa tatsächlich ist. Besonders eindringlich waren dabei die Erfahrungen aus der Ukraine, wo der Schutz der Energieversorgung längst Teil der täglichen Kriegsführung geworden ist.


>>> zum Video der gesamten Session "Blackout, Sabotage & Co. - wie sicher ist Europa?" hier


Unter dem Titel „Blackout, Sabotage & Co. – wie sicher ist Europa?“ rückte der Salzburg Europe Summit am Montag, 28. September, die Sicherheit jener Systeme in den Mittelpunkt, deren Funktionieren im Alltag meist als selbstverständlich gilt.


Moderiert von Kurier-Herausgeberin Martina Salomon diskutierten Michael Baminger, Vorstandsvorsitzender der Salzburg AG, VERBUND-Vorstandsvorsitzender Michael Strugl, Unternehmensberater Cornelius Granig, Verena Jackson vom Center for Intelligence & Security Studies der Universität der Bundeswehr München sowie Cybersecurity-Experte Dimitris Simos von Universität und FH Salzburg. Den Auftakt bildete ein Impuls von Ivan Yuryk, Vorstand des ukrainischen Übertragungsnetzbetreibers Ukrenergo, zur Bedeutung von Infrastruktur als Lebensader der Ukraine.
 

Das Energiesystem der Ukraine: Funktionieren im Ernstfall


Yuryk schilderte dabei ein Energiesystem, das sich seit Jahren unter permanentem Beschuss behaupten müsse. Eine der wichtigsten Lehren des Krieges sei, dass Russland nicht wahllos Infrastruktur angreife, sondern zunehmend gezielt jene Engpässe ins Visier nehme, an denen mit vergleichsweise begrenztem Einsatz besonders großer Schaden angerichtet werden könne. Dazu gehörten zentrale Ost-West-Verbindungen, Transformatorstationen und jene Knotenpunkte, über die der Strom der ukrainischen Kernkraftwerke in das Netz eingespeist und verteilt werde. In der zweiten Hälfte des Jahres 2025 seien die Angriffe noch selektiver geworden und hätten systematisch auf die Widerstandsfähigkeit des Stromsystems gezielt.


Darin liege die zweite Lektion: Eine dauerhaft gültige Antwort auf diese Angriffe gebe es nicht. Lösungen, die 2022 oder 2023 funktioniert hätten, seien heute teilweise bereits überholt. Die Angriffsmuster veränderten sich laufend, würden präziser und zwängen die Betreiber dazu, ihre Schutz- und Wiederherstellungsstrategien ebenso rasch weiterzuentwickeln. Die Erfahrungen des Winters 2025/26 unterstreichen die Dimension dieser Herausforderung: Die Vereinten Nationen dokumentierten systematische und wiederholte russische Angriffe auf Erzeugungs-, Übertragungs- und Verteilungsanlagen, die zeitweise Millionen Menschen von der Stromversorgung abschnitten. Auch für die externe Stromversorgung ukrainischer Kernkraftwerke entstand dadurch ein erhebliches zusätzliches Sicherheitsrisiko.



Die dritte Lehre, so Yuryk, sei daher die Bedeutung internationaler Zusammenarbeit. Kein Land könne Angriffe dieser Größenordnung allein bewältigen. Die Einbindung der Ukraine in das europäische Stromnetz und die Unterstützung europäischer Partner hätten wesentlich dazu beigetragen, das System stabil zu halten. Gleichzeitig müsse ausreichend Reserveausrüstung verfügbar sein, um beschädigte Komponenten möglichst rasch ersetzen und das Netz wieder ins Gleichgewicht bringen zu können. Gerade Transformatoren und andere Großkomponenten hätten allerdings lange Lieferzeiten. Der vergangene Winter sei für die Ukraine besonders schwierig gewesen. Unter extremen Bedingungen müsse zudem priorisiert werden: Wärme könne im Winter noch wichtiger sein als Elektrizität, wobei gerade elektrische Heizsysteme zusätzlichen Druck auf das Netz erzeugten.

Herausforderungen auch in heimischer Energiesicherheit


Dass Europa seine Energieversorgung auch abseits des unmittelbaren Kriegsgeschehens nicht mehr als Selbstverständlichkeit betrachten kann, betonte anschließend Michael Baminger. Das Jahr 2022 sei eine Zäsur gewesen: Erstmals seit sehr langer Zeit habe man ernsthaft darüber diskutieren müssen, ob Energie jederzeit in ausreichender Menge verfügbar sein werde. Gegenwärtig sei Österreich zwar von tatsächlichen physischen Versorgungsengpässen weit entfernt. Dennoch zeigten Markt- und Wetterentwicklung, wie wichtig der weitere Ausbau eines belastbaren Energiesystems sei.


Beim Strom bestehe die besondere Herausforderung darin, Erzeugung und Verbrauch zu jedem Zeitpunkt im Gleichgewicht zu halten. Deshalb könne Versorgungssicherheit nicht allein durch zusätzliche Kraftwerke erreicht werden. Erzeugung, Übertragung, Verteilnetze, Speicher und steuerbare Kapazitäten müssten gemeinsam entwickelt werden. Ob dieser Ausbau schnell genug voranschreite, sei allerdings fraglich. Vor allem Genehmigungsverfahren dauerten weiterhin zu lange. Die Dimension der notwendigen Investitionen sei erheblich: Allein die Austrian Power Grid plant bis 2035 Investitionen von rund neun Mrd. Euro in den Um- und Ausbau des österreichischen Übertragungsnetzes.


Baminger verwies in diesem Zusammenhang auch auf die Finanzierungsfähigkeit der Energieunternehmen. Netze und andere große Infrastrukturprojekte seien keine Investitionen, die sich innerhalb weniger Jahre amortisierten. Ihre wirtschaftliche Perspektive liege vielmehr bei mehreren Jahrzehnten. Wer hohe Investitionen in Versorgungssicherheit verlange, müsse daher auch berücksichtigen, dass Energieunternehmen dafür eine entsprechend solide Kapitalbasis benötigten. Die politische Diskussion über vermeintlich überschüssiges Eigenkapital oder Übergewinnsteuern müsse vor diesem Hintergrund geführt werden.


Michael Strugl rückte zusätzlich die zunehmende Abhängigkeit des Energiesystems von Wetterbedingungen in den Mittelpunkt. Der außergewöhnlich trockene Sommer 2026 habe gezeigt, wie stark selbst ein traditionelles Wasserkraftland wie Österreich unter veränderten hydrologischen Bedingungen geraten könne. Die Wasserführung sei massiv unter den langjährigen Durchschnitt gefallen, wodurch auch die Stromproduktion aus Wasserkraft deutlich zurückgegangen sei. Strugl bezeichnete 2026 als das bis dahin trockenste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen des Verbunds.

In solchen Situationen müsse Österreich mehr Strom importieren und zugleich stärker auf steuerbare Gaskraftwerke zurückgreifen – ein im Sommer ungewöhnliches Bild, erklärte Strugl. Gerade dadurch werde sichtbar, warum Versorgungssicherheit nicht durch eine einzelne Technologie gewährleistet werden könne. Es brauche mehr Erzeugung, leistungsfähigere Netze und zusätzliche Speicher. Entscheidend seien allerdings unter anderem Lebensdauer, Ladezyklen und die Garantien der Hersteller. Einen systemischen Umbau könne man nicht erreichen, indem lediglich an einer einzelnen Stellschraube gedreht werde.



Hinzu komme Europas weiterhin große Abhängigkeit von importiertem Öl und Gas. Internationale Konflikte wirkten sich deshalb unmittelbar auf europäische Energiepreise aus. Strugl verwies dabei auf die Folgen des Iran-Krieges und der erheblichen Einschränkungen des Verkehrs durch die Straße von Hormus. Die Österreichische Energieagentur bezifferte allein die zusätzlichen Kosten für Diesel in Österreich in den ersten sechs Monaten seit Kriegsbeginn auf rund 1,1 Mrd. Euro netto. Für Strugl lag darin ein weiteres Argument, heimische und europäische Energiequellen konsequenter zu erschließen. Die Alternative bestehe letztlich darin, hohe Summen für fortgesetzte Importabhängigkeit aufzuwenden.

Hybride Bedrohung Europas rückt langsam ins Bewusstsein


Doch die Verwundbarkeit Europas endet nicht an Kraftwerken und Stromleitungen. Verena Jackson betonte, dass sich Europa bereits seit Jahren in einer kontinuierlichen hybriden Bedrohungslage befinde. Erst in jüngerer Zeit habe die gesellschaftliche und politische Wahrnehmung dieser Bedrohung ihrer tatsächlichen Dimension anzunähern begonnen. Der Krieg gegen die Ukraine und die Drohnenvorfälle der vergangenen Monate hätten dazu beigetragen, das Bewusstsein zu schärfen. Gefährdet seien dabei keineswegs nur militärische Einrichtungen. Krankenhäuser, Energieversorgung, Kommunikationssysteme und andere kritische Infrastruktur seien ebenso Teil der Sicherheitsarchitektur eines Landes. Entscheidend sei, Gefahren klar zu benennen, ohne in Alarmismus zu verfallen.


Vergleiche Europas mit zentralistisch organisierten Großmächten wie China oder den USA griffen nach Jacksons Einschätzung zu kurz. Europa bestehe aus zahlreichen Staaten mit unterschiedlichen Streitkräften, Sicherheitsbehörden und Entscheidungsstrukturen. Hinzu komme, dass europäische Staaten ihr Handeln an rechtliche und ethische Maßstäbe gebunden sähen, die autoritäre Akteure nicht in gleicher Weise berücksichtigten. Gerade beim Einsatz neuer Technologien und künstlicher Intelligenz im militärischen Bereich stellten sich deshalb nicht nur technologische, sondern auch Fragen des Völkerrechts, der Ethik und der politischen Verantwortung.


Desinformation sei dabei ein fester Bestandteil hybrider Strategien. Jackson verwies auf sogenannte Wegwerfagenten, also Personen, die für Geld, aus Abenteuerlust oder aus ideologischer Überzeugung einzelne Aufgaben innerhalb einer größeren Operation übernähmen, teilweise ohne das Gesamtbild oder ihre tatsächliche Funktion zu kennen. Ziel solcher Einflussoperationen könne es sein, Misstrauen zu säen, politische Polarisierung zu verstärken und damit die Widerstandsfähigkeit demokratischer Gesellschaften zu schwächen.

Causa Marsalek als persistente Sicherheitsproblematik


Cornelius Granig warnte wiederum vor den Risiken personeller und technischer Einfallstore in staatliche Systeme. Er verwies dabei unter anderem auf das Netzwerk rund um den ehemaligen Wirecard-Manager Jan Marsalek und äußerte die Sorge, dass Verbindungen aus diesem Umfeld in Europa nicht ausreichend aufgearbeitet worden seien. Marsaleks Rolle in russischen Spionageoperationen ist inzwischen in erheblichem Umfang gerichtlich dokumentiert: In Großbritannien wurden 2025 sechs Mitglieder eines Spionagerings verurteilt, dessen Anführer nach Feststellungen der Strafverfolgungsbehörden an Marsalek berichtete; die britische Staatsanwaltschaft bezeichnet Marsalek als Vermittler zu russischen Nachrichtendiensten.

Granig äußerte direkt die Vermutung, es gebe eine direkte Verbindung Marsaleks zum Cyberangriff auf die Kärntner Landesverwaltung im Jahr 2022. Der Angriff selbst war gravierend: Nach Feststellungen des österreichischen Rechnungshofes konnten sich die Täter über Wochen im Netzwerk bewegen; vermutlich flossen rund 250 Gigabyte Daten ab, darunter sensible personenbezogene Informationen.


Auch der massive Cyberangriff auf Teile der Berliner Verwaltung im August 2026 zeigte nach Ansicht Granigs, wie verwundbar staatliche Strukturen bleiben. Angreifer verschafften sich zwischen dem 7. und 12. August Zugang zu Teilen des Berliner Landesnetzes und kopierten große Datenmengen. Die Tätergruppe Rhysida forderte später 30 Bitcoin (damals rund zwei Mio. Euro) und veröffentlichte nach der Weigerung Berlins zu zahlen gestohlene Daten im Darknet. Der Angriff ereignete sich nur wenige Wochen vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September.

Europa in Cybersecurity nicht hilflos abgehängt, aber mit Aufholbedarf


Dimitris Simos schließlich näherte sich der Frage aus Sicht der Cybersecurity. Die digitale Auseinandersetzung habe inzwischen Merkmale eines permanenten Konflikts angenommen, erklärte er. Dennoch sei die Gegenseite technologisch keineswegs uneinholbar. Entscheidend seien solides Engineering, Sicherheitsstandards, Ausbildung und strategische Vorbereitung. Cyberabwehr müsse nicht nur innerhalb einzelner Behörden stattfinden, sondern Wissen aus Polizei, Militär, Wissenschaft und Unternehmen zusammenführen. Neben geeigneten Strukturen brauche es vor allem qualifiziertes Personal und kontinuierliche Ausbildung.



Ebenso wichtig sei es, Abhängigkeiten überhaupt zu kennen. Was geschehe beispielsweise, wenn Mobilkommunikation großflächig ausfalle? Welche Alternativen stünden Haushalten, Behörden und Unternehmen zur Verfügung? Redundante Systeme, unterschiedliche Provider und klar vorbereitete Krisenabläufe könnten verhindern, dass der Ausfall eines einzelnen Systems eine Kettenreaktion auslöse. Auch beim Umgang mit Fake News und KI-generierten Inhalten werde die Fähigkeit, Informationen auf ihre Herkunft und Verlässlichkeit zu überprüfen, immer wichtiger.


Europa sei daher nicht schutzlos, fasste Simos zusammen. Die Verteidigungsfähigkeit nehme zu, allerdings entwickelten sich zugleich auch die Möglichkeiten potenzieller Angreifer weiter. Gerade ein großflächiger Blackout sei ein Beispiel für ein Ereignis, das zwar selten eintrete, dessen Konsequenzen aber enorm wären. Resilienz bedeute deshalb nicht, jedes denkbare Ereignis vollständig verhindern zu können. Entscheidend sei vielmehr, kritische Systeme so aufzubauen, dass Angriffe, technische Ausfälle und Krisen nicht unmittelbar zum Systemversagen führen.

Damit zog sich durch die Diskussion ein gemeinsamer Nenner: Europas Sicherheit hängt nicht mehr allein von militärischer Verteidigung ab. Stromleitungen, Umspannwerke und Speicher gehören ebenso dazu wie Server, Kommunikationsnetze, Behörden und die Fähigkeit einer Gesellschaft, zwischen verlässlicher Information und gezielter Manipulation zu unterscheiden. Die Ukraine zeigt unter extremen Bedingungen, welche Folgen es haben kann, wenn kritische Infrastruktur selbst zum Angriffsziel wird. Für den Rest Europas besteht die Aufgabe darin, diese Lektionen zu ziehen, bevor der Ernstfall eintritt.


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Fotocredit: Franz Neumayr

 

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