Wa(h)re Werte: Zwischen Freiheit und Verantwortung
Wie viel Moral braucht der Markt – und wie viel Verantwortung kann man delegieren?

Beim Kolloquium „Wa(h)re Werte. Wirtschaft und Finanz im Spannungsfeld zwischen Verantwortung und Verweigerung“ beim 22. Salzburg Europe Summit trafen sehr unterschiedliche Antworten aufeinander.
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Was sind eigentlich die Grundwerte, auf denen Wirtschaft und Gesellschaft ruhen? Mit dieser scheinbar einfachen Frage eröffnete Moderatorin Claudia Reiterer am 27. September 2026 im Salzburger Kongresshaus das Kolloquium „Wa(h)re Werte. Wirtschaft und Finanz im Spannungsfeld zwischen Verantwortung und Verweigerung“.
Auf dem Podium diskutierten David Dekorsi, Geschäftsführer des Bundes Katholischer Unternehmer in Deutschland, der Gouverneur der Österreichischen Nationalbank Martin Kocher, der Philosoph Martin Rhonheimer, die Hamburger Technikethikerin Judith Simon und die frühere Generalanwältin am Europäischen Gerichtshof Verica Trstenjak.
Den einleitenden Impuls gab Vinzenz Stimpfl-Abele, Prokurator des St. Georgs-Ordens, mit dem das Kolloquium veranstaltet wurde.

Verantwortung als knappes Gut
Stimpfl-Abele begann mit einer ausgesprochen kritischen Bestandsaufnahme. Das gegenwärtige amerikanische Wirtschafts- und Politikmodell unter Donald Trump lasse sich seiner Ansicht nach nur schwer in eine einzige Kategorie einordnen; am ehesten erkenne er darin Elemente eines „Crony Capitalism“, eines Kapitalismus also, in dem Nähe, Beziehungen und Einfluss über wirtschaftliche Chancen mitentschieden. Europa dürfe allerdings nicht so tun, als sei es gegen solche Entwicklungen immun.
Sein eigentlicher Angriffspunkt war eine Kultur, in der Verantwortung zunehmend als Belastung statt als Auszeichnung erscheine. Mit bewusster Provokation bezeichnete er die Fixierung auf Work-Life-Balance als Symptom einer solchen Entwicklung. Wer Verantwortung übernehme, trage Risiken und müsse mit den Konsequenzen eigener Entscheidungen leben. Gerade diese Bereitschaft werde aber immer weniger belohnt. Echtes Unternehmertum, verstanden als wirtschaftliches Handeln auf eigene Rechnung und eigenes Risiko, werde dadurch unattraktiver. Gleichzeitig entstehe der Eindruck, große Marktteilnehmer könnten sich mit den bestehenden Strukturen leichter arrangieren als kleine und mittlere Unternehmer. Es überrasche daher nicht, wenn sich erfahrene Unternehmer fragten, wofür sie dieses Risiko noch auf sich nähmen, während Jüngere immer weniger Lust verspürten, selbst Unternehmer zu werden.
Gerade deshalb, so Stimpfl-Abele, müsse die Wirtschaft die Frage nach ihren tatsächlichen Werten neu stellen. Unternehmen sprächen inzwischen selbstverständlich über Compliance, ESG, Diversität oder ökologische Verantwortung. Wesentlich seltener finde sich hingegen ein individueller, ernsthaft gelebter unternehmerischer Wertekodex, der über vorgeschriebene Standards und Marketing hinausgehe.

Eine Generation ohne Aufstiegsversprechen?
David Dekorsi griff die Frage der Verantwortung aus der Perspektive einer jüngeren Generation auf. Er zeichnete das Bild einer Alterskohorte, die zunächst mit dem vermeintlichen „Ende der Geschichte“, später mit der Finanzkrise und anschließend mit vergleichsweise sorglosen 2010er Jahren aufgewachsen sei. In dieser Zeit sei vielfach der Eindruck gewesen, Ausbildung und Qualifikation würden beinahe automatisch zu einer Auswahl attraktiver beruflicher Möglichkeiten führen. Viele hätten sich daher stärker an Interesse und Sinn als an Sicherheit orientiert und sich an der Marktnachfrage vorbei ausbilden lassen.
Die Pandemie habe diesen Optimismus erschüttert. Gut ausgebildete junge Menschen fänden sich heute teilweise in einer Arbeitswelt wieder, in der klassische Einstiegspositionen verschwänden und selbst hohe Qualifikation keinen selbstverständlichen Aufstieg mehr garantiere. Nach Dekorsis Einschätzung habe die politische Mitte dieser Verunsicherung bislang kein überzeugendes Angebot entgegengesetzt. Stark polarisierte Wahlentscheidungen junger Menschen seien insofern weniger als geschlossene ideologische Entwicklung zu lesen, denn als Ausdruck des Gefühls, dass es so nicht weitergehen könne. Extreme Parteien könnten daraus politisch Kapital schlagen, ohne deshalb belastbare Lösungen anzubieten. Reine Sonntagsreden würden dieses verlorene Vertrauen jedenfalls nicht zurückbringen.
Hinzu komme eine materielle Dimension. Selbst zwei Akademiker mit guten Einkommen könnten sich in deutschen Großstädten eine Eigentumswohnung oder ein Haus häufig nur noch schwer leisten. Damit gerate eines der traditionellen Versprechen der sozialen Marktwirtschaft unter Druck: dass sich Wohlstand durch Ausbildung, Arbeit und Leistung Schritt für Schritt aufbauen lasse. Wenn hochqualifizierte Menschen zu dem Ergebnis kämen, dass sich ihr Lebensentwurf anderswo leichter verwirklichen lasse, werde schließlich auch Abwanderung zu einer rationalen Option.

Freiheit braucht Institutionen
Martin Rhonheimer setzte bei den institutionellen Voraussetzungen wirtschaftlicher Freiheit an. Eine funktionierende Marktwirtschaft brauche Rechtssicherheit, Schutz vor Korruption und einen verlässlichen Raum individueller Freiheit. Viele Staaten weltweit hätten hier erhebliche Defizite. Europa stehe im Vergleich weiterhin gut da, dürfe aber nicht übersehen, dass auch hier Rechtssicherheit und wirtschaftliche Berechenbarkeit unter Druck geraten könnten.
Besonders problematisch seien aus seiner Sicht hohe Staatsschulden, Überregulierung und Fehlanreize. Inflation zeige sich dabei nicht allein an den Konsumentenpreisen. Steigende Vermögenspreise könnten das Gefühl gesellschaftlicher Ungleichheit verstärken: Immobilien und Aktien würden teurer, bestehende Vermögen wüchsen auf dem Papier, während jene, die noch kein Vermögen aufgebaut hätten, den Eindruck bekämen, immer weiter zurückzufallen.

Vertrauen lässt sich gestalten
Martin Kocher rückte anschließend einen Begriff in das Zentrum, der Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gleichermaßen verbindet: Vertrauen. Dieses sei keineswegs bloß eine diffuse Emotion. Kocher hat den zugrunde liegenden Gedanken auch außerhalb des Panels prägnant formuliert: Vertrauen sei eine rationale Einschätzung und daher gestaltbar. Transparente Regeln, klar zugeordnete Verantwortung und die Bereitschaft, Fehler offenzulegen, könnten Bedingungen schaffen, unter denen Vertrauen wahrscheinlicher werde.
Politik sei deshalb immer auch Erwartungsmanagement. Regierungen würden heute für Entwicklungen verantwortlich gemacht, die sie nur teilweise kontrollieren könnten. Zugleich hätten politische Akteure mitunter selbst Erwartungen geweckt, die sie nicht erfüllen könnten. Selbst ohne die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten hätte Europa strukturelle Herausforderungen: Schwaches Produktivitätswachstum, demografischen Wandel und steigende Anforderungen an öffentliche Haushalte. Mit dem Ende der Friedensdividende, neuen geopolitischen Konflikten und amerikanischen Zöllen kämen zusätzliche Belastungen hinzu.
Kocher warnte zugleich vor nostalgischen Rückblicken. Es gebe keine überzeugende empirische Grundlage für die Annahme, Politiker hätten vor drei oder vier Jahrzehnten grundsätzlich langfristiger, kompetenter oder verantwortungsbewusster gehandelt. Politiker stünden institutionell unter dem Druck von Legislaturperioden und Wahlen. Andere Institutionen wie Notenbanken, Wissenschaft oder Sozialpartnerschaft seien dagegen bewusst so organisiert, dass sie längere Zeithorizonte berücksichtigen könnten.

Zwischen Menschenwürde und unternehmerischer Freiheit
Verica Trstenjak unterschied zwischen wirtschaftlich bestimmten und ethisch beziehungsweise rechtlich begründeten Werten. Vertrauen gehe ihrer Ansicht nach verloren, wenn zwischen politischen Versprechen und gelebter Wirklichkeit eine dauerhafte Lücke entstehe. Politik müsse deshalb stärker danach fragen, was langfristig für Gesellschaft und Heimat wichtig sei, und nicht ausschließlich danach, was sich bis zur nächsten Wahl auszahle.
Wertebildung beginne zudem nicht erst in Unternehmen oder Parlamenten, sondern bereits in Erziehung und Ausbildung.
Als Juristin warnte Trstenjak zugleich davor, Werte gegeneinander auszuspielen oder zu verabsolutieren. Unternehmerische Freiheit sei ein Grundrecht, aber kein absolutes. Steuern, arbeitsrechtliche Regeln und andere staatliche Vorgaben seien mit ihr grundsätzlich vereinbar.
Anders liege der Fall bei der Menschenwürde, der in der europäischen Rechtsordnung ein besonderer, nicht beliebig abwägbarer Rang zukomme.

Wenn sprachliche Brillanz mit Wissen verwechselt wird
Judith Simon nahm schließlich eine Position ein, die manche der zuvor präsentierten Erklärungen bewusst hinterfragte. Politische und wirtschaftliche Debatten müssten daher sauber zwischen empirisch belegbaren Zusammenhängen und den eigenen normativen Überzeugungen unterscheiden. Schwarz-Weiß-Denken sei keine Wertehaltung, sondern häufig eine Verweigerung von Komplexität.
Das gelte in besonderer Weise für die Diskussion über künstliche Intelligenz. Zunächst müsse geklärt werden, über welche Technologie überhaupt gesprochen werde. Was heute im Alltag meist als KI bezeichnet werde, seien große Sprachmodelle. Diese seien weder klassische Datenbanken noch Suchmaschinen. Ihre besondere Stärke bestehe vielmehr darin, aus sehr großen Mengen von Text- und Bildmaterial sprachlich außerordentlich überzeugende Antworten zu erzeugen.
Gerade diese Eloquenz berge Risiken. Menschen hätten gelernt, sprachliche Sicherheit, Bildungssprache und rhetorische Gewandtheit mit Kompetenz zu verbinden. Deshalb könne ein System, das brillant formuliere, leicht als wissender und zuverlässiger wahrgenommen werden, als es tatsächlich sei. Hinzu komme die Tendenz solcher Systeme, sich ihrem Gegenüber anzupassen und dessen Annahmen zu bestätigen. Im Extremfall könne eine solche Dynamik problematische Überzeugungen verstärken, statt sie zu korrigieren.
Simon erinnerte zugleich daran, dass ethische Fragen der künstlichen Intelligenz älter seien als ChatGPT und andere generative Systeme. Schon zuvor seien algorithmische Systeme zur Entscheidungsunterstützung eingesetzt worden, auch bei weitreichenden juristischen und administrativen Entscheidungen. Die dafür verwendeten Daten seien jedoch niemals automatisch neutral. Wenn historische Entscheidungen gesellschaftliche Benachteiligungen oder Diskriminierungen enthielten, könnten diese Muster in datengetriebenen Systemen reproduziert werden.
Deshalb genügten weder Regulierung noch technisches „Value Alignment“ allein. Technik werde immer in gesellschaftlichen, institutionellen und historischen Zusammenhängen eingesetzt. Wer über die Werte einer künstlichen Intelligenz spreche, müsse daher zwangsläufig auch über die Werte jener Gesellschaft sprechen, aus deren Daten, Regeln und Entscheidungen sie entstanden sei.

Werte als Infrastruktur
Am Ende zeigte das Kolloquium weniger einen Konsens über die richtige Wirtschaftsordnung als eine bemerkenswerte Übereinstimmung über deren Voraussetzungen. Die Meinungen darüber, wie viel Regulierung notwendig sei, wo staatliche Verantwortung ende und individuelle Verantwortung beginne oder wie soziale Gerechtigkeit konkret hergestellt werden könne, lagen teilweise weit auseinander.
Fast alle Argumentationslinien liefen bei drei Begriffen zusammen: Verantwortung, Vertrauen und verlässliche Institutionen. Marktwirtschaft braucht Freiheit, aber Freiheit braucht Regeln. Unternehmen brauchen Gewinne, aber wirtschaftlicher Erfolg allein beantwortet noch nicht die Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung. Politik kann Erwartungen steuern, aber nicht jede Krise beherrschen. Und künstliche Intelligenz kann Informationen verarbeiten und überzeugende Antworten produzieren, sie enthebt Menschen aber nicht der Pflicht, selbst zu urteilen.
>>> zum gesamten Video der Diskussion "Blackout, Sabotage & Co. - wie sicher ist Europa?" hier
Fotocredit: Franz Neumayr
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